Rom, 5.10.15 (kath.ch) Die gesellschaftlichen Strukturen, darunter die Familie, müssen neu evangelisiert werden. Dieser Ansicht ist der Schweizer Vertreter an der seit Sonntag im Vatikan tagenden Weltbischofssynode über Ehe und Familie, der Sittener Bischof Jean-Marie Lovey. Im Interview mit kath.ch in Rom erklärte Lovey, das Thema der «Berufung der Familie» liege ihm besonders am Herzen. 270 Teilnehmer aus aller Welt beraten noch bis zum 25. Oktober zu den Herausforderungen für die Familie in der heutigen Welt.
Andrea Krogmann.
Herr Bischof Jean-Marie Lovey, Sie haben auf den stark thematisch orientierten Duktus der Synode hingewiesen. Welches der zahlreichen Themen liegt Ihnen besonders am Herzen?
Jean-Marie Lovey: Das Thema der zweiten Synodenwoche, in der es um «die Unterscheidung der Geister im Hinblick auf die Berufung der Familie» geht. Familien heute sind vielfach destabilisiert, es ist eine Basis verloren gegangen, und deshalb müssen wir allen Christen helfen zu sehen, dass Familien eine Berufung haben. Paare beschreiben ihr Kennenlernen oft als «Zufall», aber es entspricht einem göttlichen Ruf. Wenn ein Paar eine Familie gründet, folgt es dieser Berufung. Ich habe das Gefühl, dass alle gesellschaftlichen Strukturen, inklusive der Familie, neu evangelisiert werden müssen: Wir müssen Christen wieder die Sicherheit geben, dass sie dem göttlichen Appell folgen müssen.
Fragen des Umgangs mit Homosexuellen und wiederverheirateten Geschiedenen stehen im Westen deutlich stärker im Vordergrund als in Afrika oder Asien. Besteht hier die Gefahr eine Spaltung innerhalb der Synode?
Lovey: Die Synode muss aufpassen, nicht auf zwei, drei Themen zu insistieren. Da besteht in der Tat das Risiko, dass Teilnehmer sich für eine Pro- oder Contra-Position entscheiden. Die grosse Herausforderung lautet jedoch die Communio. Wir müssen einander Zuhören und dürfen nicht zu sehr auf Optionen fokussieren, die zu lokal sind. Ein anderer Aspekt ist: Alle Länder stehen derzeit vor der Herausforderung der Flüchtlingsthematik. Das kann ein Ort der Communio werden. Die gemeinsame kirchliche Sorge kann unter den Synodenteilnehmern zu einer einheitlichen Stimme führen.
Sie haben die Einschätzung geäussert, dass es bei der Synode mit einer pastoralen und einer theologischen Herangehensweise zwei Hauptachsen geben werde. Könnten die zwei Wege nicht auch unterschiedliche Lösungen für Ost und West lauten?
Lovey: Das ist eine sehr interessante Idee, die zudem auf die Geschichte verweist: Die Geschichte hat gezeigt, dass Regionalkonzile regionale und lokale Probleme behandelt haben, ohne die universelle Kirche zu schwächen, obwohl andere Orientierungen eingeschlagen wurden. Es wäre denkbar, dass eine Reihe von Problemen von Ortskirchen her gedacht und angegangen werden, zumindest auf pastoraler Ebene. In pastoraler Hinsicht stellen sich die Fragen der Familie nicht in gleicher Weise in der Schweiz oder in Afrika. Es braucht aber auch hier eine gemeinsame theologische Basis, die dann für die jeweilige Situation angepasst wird. Die Synode wird eine theologische Reflexion zu Ehe und Familie anbieten, um zunächst eine konkrete gemeinsame Basis zu haben, bevor man die spezifischen Fragen angeht.
Die Synodenteilnehmer sind frei, über den Verlauf der Beratungen Interviews zu geben. Wie werden Sie diese Freiheit in den nächsten drei Wochen nutzen?
Lovey: Ich bin im Kontakt mit dem Informationsbeauftragter der Schweizer Bischofskonferenz, Walter Müller. Wir werden am Ende der Synode vor deren offiziellen Abschluss ein weiteres Pressegespräch anbieten.
Werden Sie sich in der Zeit dazwischen mit ihren Schweizer Brüdern im Bischofsamt austauschen, sie konsultieren?
Lovey: Im Prinzip nicht. (ak)