Georges Scherrer

Von Georges Scherrer Am

In Meldungen aus der Schweiz

Chur, 12.4.16 (kath.ch) Mit «Amoris laetitia» zeige Papst Franziskus, dass seine Kirche da angekommen sei, wo sie hingehöre: «In der pluralen Gegenwart, in welcher der Glaube in Gestalt der katholischen Kirche eine Option unter vielen geworden ist.» Dies schreibt Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur (THC), in seinem Kommentar für kath.ch. Das Papst-Dokument zu Ehe und Familie wurde am Freitag, 8. April, veröffentlicht.

Der vergangene Freitag war wirklich ein guter Tag für unsere Kirche. Papst Franziskus hat ähnlich wie der charismatische Papst Johannes XXIII. die Fenster der katholischen Kirche weiter geöffnet. Dabei erinnert eine Stelle im nachsynodalen Schreiben «Amoris laetitia» besonders an Papst Johannes XXIII.: Zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am Abend des 11. Oktober 1962 sagte dieser in seiner berühmten Mondscheinrede von der Loggia der Peterskirche zur anwesenden Menschenmenge: «Wenn ihr nach Hause kommt, dann werdet ihr dort eure Kinder vorfinden: Gebt ihnen einen Gutenachtkuss und sagt ihnen: Das ist der Gutenachtkuss des Papstes.»

Der Kuss am Morgen

Ganz ähnlich formuliert es Papst Franziskus in seinem Schreiben, das sich auf weite Strecken mehr wie eine Seelsorge-Handreichung denn wie eine päpstliche Verlautbarung liest. So empfiehlt er jungen Paaren: «Es ist gut, den Morgen immer mit einem Kuss zu beginnen und jeden Abend einander zu segnen, auf den anderen zu warten und ihn zu empfangen, wenn er ankommt, manchmal zusammen auszugehen und die häuslichen Aufgaben gemeinsam zu erledigen. Zugleich ist es aber auch gut, die Routine durch das Fest zu unterbrechen, nicht die Fähigkeit zu verlieren, in der Familie zu feiern, sich zu freuen und die schönen Erfahrungen festlich zu begehen.» Mit viel Fingerspitzengefühl für die Alltäglichkeiten des ganz normalen Lebens erklärt Papst Franziskus hier, wie er seine Logik der Barmherzigkeit versteht.

Die ‹empirische Wende› in «Amoris laetitia»

Aus der Sicht eines Religionspädagogen trägt das Schreiben von Papst Franziskus deutliche Züge dessen, was im wissenschaftlichen Diskurs der Religionspädagogik und Katechetik ‹Subjektorientierung› und ‹Erfahrungsorientierung› genannt wird. Seitdem der Schweizer Religionspädagoge Klaus Wegenast Anfang der 1970er Jahre die ‹empirische Wende› in Religionsunterricht und Katechese angestossen hat, ist die Formel von der ‹Weitergabe des Glaubens› in möglichst unverkürzter und vollständiger Form problematisch geworden. Heute ist es selbstverständlich, dass Religionsunterricht und Katechese in den Pfarreien und Familien sich nicht nur an theologischen Erkenntnissen orientieren, sondern auch an den Human- und Sozialwissenschaften. Das tut auch Papst Franziskus. Er analysiert sehr differenziert die Bedingungen, unter denen Grosseltern, Eltern und Kinder in den verschiedensten Familienkonstellationen heute auf lebensweltlich bedeutsame Weise lernen können, wie der Glaube das Leben tragen kann.

Theologie mit Bodenhaftung

Die Theologie des Papstes ist im besten Sinne des Wortes kontextuell. Sie geht mehr von realen als von idealen Familienbildern aus. Sie fragt weniger, welche Familien die Kirche braucht, sondern eher, welche Kirche die Familien brauchen. Damit schlägt sie einen neuen Ton an. Papst Franziskus hat sich viel ‹Bodenhaftung› vorgenommen und das ist sehr zu begrüssen. Der genaue Blick auf die vielfältigen menschlichen Situationen soll eine Verurteilung von oben herab ersetzen. ‹Begrenzten Menschen› will er nicht die ‹gewaltige Last aufladen›, in vollkommener Weise ein theologisch-ideales Familienbild zu leben. Er will weg  von einer ‹kalten Schreibtisch-Moral› (312) und empfiehlt den Seelsorgenden statt dessen ganz jesuitisch ‹pastorale Unterscheidung›. Anders als restaurative Kommentare zum Papstschreiben glauben machen wollen, spricht sich Papst Franziskus sehr wohl für Familienvielfalt aus, die er mit dem sprechenden Bild der Collage beschreibt (57).

Freiheit und Mündigkeit als Leitideen

Neben vielen leisen Tönen verwendet er auch starke Worte, die noch eine andere Wende anzeigen: Papst Franziskus ist sich bewusst, dass die katholische Kirche von ihrer Geschichte her ein belastetes Verhältnis zu den aufklärerischen Ideen der Freiheit und Mündigkeit hat. Das hat bis heute Nachwirkungen, denn immer grössere Teile des ‹Kirchenvolkes› sind nicht länger gewillt, sich als unmündig abspeisen zu lassen. Der Papst weiss, dass es für die katholische Kirche der Zukunft entscheidend sein wird, dass sie auch in ihren eigenen Reihen die Konzilserklärung «Dignitatis Humanae» ernst nimmt. Damit muss sie eine Pluralität von Glaubensstilen nicht nur zulassen, sondern auch fördern. Genau dies tut Papst Franziskus mit «Amoris laetitia». Er ist auf dem besten Weg zu zeigen, dass seine Kirche da angekommen ist, wo sie hingehört: In der pluralen Gegenwart, in welcher der Glaube in Gestalt der Katholischen Kirche eine Option unter vielen geworden ist. Ein guter Tag also für unsere Kirche. (cc)