Martin Spilker

Von Martin Spilker Am

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Zürich, 1.7.15 (kath.ch) Die Bischofssynode zu Ehe und Familie diesen Herbst in Rom ist für die katholische Kirche und darüber hinaus ein Ereignis von weitreichender Bedeutung. Das vor kurzem veröffentlichte Grundlagenpaier weist darauf hin, dass die Diskussion in die Tiefe führen wird. Das ist auch nötig, denn Ehe und Familie lassen sich nicht allein mit lehramtlichen Vorgaben beurteilen.

Martin Spilker

«Die Erwartungen sind hoch, nicht alle werden erfüllt werden können. Aber das Thema ist mit diesem Prozess angestossen.» Mit diesen Worten fasste Bischof Markus Büchel an einer Veranstaltung an der Universität Luzern vergangene Woche seine Einschätzung über die bevorstehende Bischofssynode zu Ehe und Familie zusammen. Er ist damit unter den Theologen und kirchlichen Würdenträgern nicht allein. Vielen Kirchenangehörigen sind solche Aussagen aber zu blass, zu diplomatisch. Das wurde auch an der Diskussion in Luzern nach dem erwähnten Referat deutlich. Wenn von Familie, von Partnerschaft und Beziehung die Rede ist, dann haben ganz viele Katholikinnen und Katholiken andere Erfahrungen. Sie sehen sich, ihre Familienangehörigen oder besten Freundinnen und Freunde durch Formulierungen, wie sie zuletzt beispielsweise in Bezug auf homosexuelle Partnerschaften im Arbeitspapier für die Synode zu finden sind, vor den Kopf gestossen.

Pastorale Situation neu beurteilen

Bischof Markus Büchel hat auf die grossen Differenzen kultureller und gesellschaftlicher Wirklichkeit der Gläubigen innerhalb der einen römischen Kirche hingewiesen. Als Schweizer Vertreter an der ersten Bischofsynode zu diesem Thema vergangenes Jahr war er mittendrin und hat diese unterschiedlichen Stimmen gehört. Aber er hat in Rom die in einer breit angelegten Umfrage erhobene Zusammenfassung der Haltung der Gläubigen hier bei uns vertreten. Daraus geht deutlich hervor, dass die Mehrheit der Schweizer Katholiken von der Kirche zum Thema Ehe und Familie mehr erwarten als die «lehrmässige Vorgabe klarer Ehe-, Familien- und Sexualnormen». Und die Schweiz, das hat Markus Büchel auch deutlich gemacht, war nicht das einzige Land, das sich für eine Neubeurteilung der katholischen Ehe- und Familienpastoral ausgesprochen hat.

Tatsache ist, dass Familie und Partnerschaft im zivilen, kulturellen und kirchlichen Verständnis unterschiedlich verstanden werden. Und diese Unterschiede werden noch grösser, wenn über Länder- und Kulturgrenzen hinaus geschaut wird. Tatsache ist aber auch, dass sich das Verständnis von Ehe und Familie immer wieder verändert hat und sich weiter verändern wird. Und das nicht nur im Staat, sondern auch in der Kirche. Von der Bischofssynode kann nicht erwartet werden, dass sie alle Fragen in Sachen Ehe und Familie für die weltweite katholische Kirche löst. Von den Verantwortlichen der Kirche hier bei uns kann aber erwartet werden, dass sie bei der Auseinandersetzung mit Ehe und Familie die gesellschaftliche Wirklichkeit vor Augen hat.

Familie und Ehe wandeln sich

Denn das Verständnis von Ehe und Familie hat sich immer wieder verändert hat und wird sich weiter verändern. Nicht nur im Staat, sondern auch in der Kirche. Dies machen auch ganz aktuelle Stellungnahmen von Papst Franziskus zur Frage der Trennung in einer Ehe oder von Kardinal Walter Kasper zur Haltung der Kirche gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen deutlich.Solche Aussagen von höchster Stelle der römischen Kirchenleitung sind in dieser Deutlichkeit neu. Und das tut allen Betroffenen gut, obschon im Alltag hier bei uns wiederverheirateten Geschiedenen oder homosexuellen Katholiken vielerorts schon lange mit einer Offenheit begegnet wird, die der kirchlichen Lehre eigentlich widerspricht.

«Die Erwartungen sind hoch.» Bischof Markus Büchel hat recht, von der Bischofssynode kann nicht erwartet werden, dass sie alle Fragen in Sachen Ehe und Familie für die weltweite katholische Kirche löst. Von den Verantwortlichen der Kirche, den Delegierten aus aller Welt in Rom und den Seelsorgern hier bei uns, kann aber erwartet werden, dass sie bei der Auseinandersetzung mit Ehe und Familie die gesellschaftliche Wirklichkeit vor Augen haben. (ms)