Georges Scherrer

Von Georges Scherrer Am

In Meldungen aus der Schweiz

St. Gallen, 8.4.16 (kath.ch) Papst Franziskus befreit in seinem nachsynodalen Schreiben über die «Freude der Liebe» die Seelsorge von der Last kirchlicher Moralvorschriften und nimmt sie in die Verantwortung für das alltägliche Leben der Menschen. Das hält, der Leiter des Pastoralamtes Bistum St. Gallen, Franz Kreissl, in einer Stellungnahme zum Apostolischen Schreiben «Amoris Laetitia».

Papst Franziskus gelinge es verständlich und lebensnah, auf die alltäglichen Schwierigkeiten von Menschen in Partnerschaft und Familie einzugehen, ohne das Ideal einer verlässlichen Partnerschaft zu verwässern, betont Kreissl, der auch Mitglied der Bistumsleitung in St. Gallen ist.

Keine «Felsblöcke» auf Menschen

Dabei unterscheide er sehr deutlich zwischen den Idealen der Kirche und den Gesetzen, die sie «nicht als Felsblöcke auf das Leben der Menschen werfen darf». Die Bischofssynode habe nicht nur über ein Idealbild der Familie gesprochen, sondern eine «herausfordernde Collage aus vielen unterschiedlichen Wirklichkeiten voller Freuden, Dramen und Träume» aufgezeigt.

Der Papst lade ein, Lebenslagen nicht zu katalogisieren und pauschal zu beurteilen. Auch Menschen, die in «komplexen Situationen leben», dürfen nicht pauschal als im Zustand schwerer Sünde beurteilt werden.

Zentralbegriff Unterscheidung

Der theologische Fachbegriff für dieses genaue Hinschauen auf die Situation der Menschen heisst «Unterscheidung», ein Zentralbegriff der Spiritualität des Jesuiten-Ordens, aus dem Papst Franziskus stammt. Diese Unterscheidung diene dazu, Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen nicht einfach gleich zu behandeln. Deshalb lehne Franziskus es auch ab «neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelungen kanonischer Art» zu suchen. Es gehe vielmehr darum, den Menschen in allen Situationen beizustehen.

Dazu müssen die Seelsorgerinnen und Seelsorger eine dialogische und persönliche Begleitung anbieten. Dafür sei es erforderlich und erlaubt, «in jedem Land oder in jeder Region besser inkulturierte Lösungen zu suchen, die örtliche Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen». Dem Papst gehe es um Eingliederung nicht um Ausgrenzung. Papst Franziskus betone die Bedeutung des Gewissens und stelle selbstkritisch fest, dass sich die Kirche schwer tue, dem Gewissen der Gläubigen Raum zu geben. «Wir sind berufen die Gewissen zu bilden nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie (=die Gewissen)  zu ersetzen.» Kein Seelsorger, keine Lehre, keine Vorschrift dürfe an die Stelle des persönlichen Gewissens gesetzt werden.

Positive Sicht auf Sexualität

In bemerkenswerter Weise ziehe, so Kreissl, Papst Franziskus die Konsequenzen dieser Aussagen. Er verstehe, dass nach einer Scheidung wiederverheiratete Menschen nicht einfach aus dieser zweiten Ehe herausgehen können. Er verstehe auch aus dem Gespräch mit betroffenen Ehepaaren, dass der Vorschlag der Josefsehe – ein Zusammenleben ohne Geschlechtsverkehr – keine wirkliche Lösung darstelle, weil «wichtige Ausdrucksformen der Intimität» fehlten. Hier werde die positive Sicht der Sexualität deutlich, die Papst Franziskus vertrete.

In ähnlicher Weise, wie er über die Situation der nach Scheidung wiederverheirateten Menschen nachdenke, sei es nach diesem Schreiben erlaubt, über die Situation anderer Menschen nachzudenken, die etwa in Zivilehen leben, gar nicht verheiratet sind oder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. «Auch wenn Papst Franziskus hier weniger konkret ist, erlauben es einige Aussagen seine Aufforderung zur Unterscheidung und zum Dialog in der Seelsorge auch auf diese Situationen anzuwenden», schreibt Kreissl.

Weg – nicht Fertigprodukt

Partnerschaft, Familie und Ehe sind für den Papst keine Fertigprodukte, sondern ein Weg, auf den sich Menschen einlassen, schriebt der Pastoralamtsleiter weiter. Diesen Weg gehen sie mit ihren Fähigkeiten und unter den Bedingungen, die das Leben stellt. Die Kirche rufe Franziskus dazu auf, mit den Menschen unterwegs zu sein, ihnen nahe zu bleiben in den vielen alltäglichen Situationen.

Gerade die Kirche dürfe niemand auf ewig verurteilen, «denn das ist nicht die Logik des Evangeliums». Der Papst verstehe sein Schreiben als Ermutigung, Werte wie Grossherzigkeit, Verbindlichkeit, Treue und Geduld zu pflegen. Und er rufe dazu auf, dort «Zeichen der Barmherzigkeit und der Nähe zu sein», wo es schwierig werde. (gs)