Chur, 16.11.15 (kath.ch) Vom Büro des Rektorats blickt Christian Cebulj (51) hinab auf den Hof, den Sitz des Bischofs von Chur, Vitus Huonder. Cebulj ist seit dem 1. August Rektor der Theologischen Hochschule Chur (THC). Mit dem Bischof hat er ein gutes Einvernehmen, erklärte der Professor für Religionspädagogik und Katechetik gegenüber kath.ch, auch wenn die Meinungen über theologische Positionen auseinander gehen.
Georges Scherrer
Der neue Rektor legte einen guten Start hin. Seine Vorgängerin im Amt, Eva-Maria Faber, habe ihm ein «wohl bestelltes Beet» übergeben. Als Prorektorin stehe sie ihm zudem weiterhin zur Seite. Anstehende Probleme werden kollegial angegangen.
Programmatisch setzt der neue Rektor über seine Amtszeit den Grundsatz: «Es zählen die besseren Argumente und nicht die Rhetorik.» Die Hochschule befindet sich etwas mehr als einen Steinwurf entfernt vom Sitz des Bischofs von Chur, Vitus Huonder. Darum geht die Frage an den Rektor: Schafft das Nähe? Räumlich sei diese gegeben, erklärt der Rektor und wird dann konkreter: «Wie bei allen Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft ist der Bischof der Grosskanzler. Nach den Statuten ist er für die Erhaltung und Entwicklung der Hochschule zuständig und nimmt auch eine Aufsichtsfunktion wahr.» Die akademische Freiheit der Hochschule werde aber nicht berührt, weil der Bischof nicht Teil der operativen Leitung ist.
Die betont konservative Kirchenpolitik, welche der Hof betreibt, färbt nicht auf die Hochschule ab. Davon ist Cebulj überzeugt. Er sieht die Hochschule in der Mitte von Gesellschaft und Kirche. Er möchte, dass sie insofern eine «plurale Ausstrahlung» hat, als sie die Breite der ganzen theologischen Debatte aufzeigt. Die prominenten Thesen des Hofs, welche immer wieder stimmgewaltig ihren Niederschlag in den Medien finden, bezeichnet der Rektor als Zuspiel für die Hochschule. «Sie ermuntern uns, in den Sachfragen die jeweils besseren Argumente zu suchen. Auf diese Weise entstehen Debatten, die über Chur hinaus führen», so Cebulj.
«Wir werden natürlich immer wieder auf den Hof angesprochen. Aber gleichzeitig können wir zeigen, dass es an der Hochschule vielfältigere theologische Positionen gibt als jene, welche der Hof vertritt.» Für den Rektor zählt «die Kraft der besseren theologischen Argumente». Diese stechen in der Regel polemische Thesen aus: «Die Leute lassen sich ja auch nicht für dumm verkaufen!»
Keine Flächenbewässerung
Die Theologische Hochschule, welche am Berg hoch oberhalb der Stadt Chur liegt, ist klein und übersichtlich. Rund fünfzig Studierende besuchen die THC. Die Zahl ist seit einigen Jahren stabil. «Während in überfüllten Hörsälen grosser Fakultäten eher Flächenbewässerung an der Tagesordnung ist, können wir in Chur theologische Tiefenbohrung in kleinen Lerngruppen betreiben.» Das sei auch der Grund, warum viele Studierende nach Chur kommen, die sich nach einem Beruf, den sie schon haben, mit Theologie befassen wollen.
Cebulj lehrt auch an der Pädagogischen Hochschule in Chur und hält dort eine Religionskundevorlesung. Im Hörsaal sitzen jeweils bis zu 120 Studierende. «Dort sehe ich das andere Modell. Das macht auch Spass, aber als Dozent muss man dort viel mehr Aufwand betreiben, um die Akzente richtig zu setzen.» Die Unterrichtsformate an der THC mit ihrer «grossfamiliären Atmosphäre» seien hingegen «oft mehr Seminarstil als Vorlesung». Dadurch gewinnt die Intensität der Lehre, betont Cebulj.
Die Studierenden an der THC zeigten mehr Selbstbewusstsein und stellten dementsprechend ihre Forderungen an Qualität und Lernformen der Hochschule. Im kleineren Rahmen der THC könne Gemeinschaft besser verwirklicht werden. Das Akademische und die Spiritualität finden so besser zusammen. Davon ist Cebulj überzeugt.
Touristische Ausstrahlung
Die THC arbeitet mit anderen theologischen Fakultäten in der Schweiz und im Ausland auf verschiedenen Ebenen zusammen. Damit sie in Zukunft besser bestehen kann, brauche sie aber noch mehr Internationalität, also internationale Kooperation, sagt der Rektor, der aus Südbayern stammt, verheiratet ist und zwei Kinder hat.
Internationale, grenzübergreifende Projekte erhöhten die Attraktivität des Studienortes Chur. Nicht zuletzt profitierten von einer solchen Ausweitung des Angebots die Stadt Chur und der Kanton Graubünden als Wissenschaftsstandort. Der Kanton erkenne diesen Vorteil und habe deshalb internationale Projekte der THC auch bereits unterstützt. Die Kirchen im Kanton sehen die THC als wichtige Plattform, wo aktuelle kantonale Themen wie die Zukunft des Religionsunterrichts zur Sprache gebracht und ausdiskutiert werden können.
Frauen nötiges Rüstzeug mitgeben
Drei von den neun Professuren an der THC sind von Frauen besetzt. Von den Studierenden sind zwanzig Prozent Frauen. Das entspreche in ungefähr dem Frauenanteil an den anderen theologischen Fakultäten, sagt der Churer Rektor und meint: «Sicher sind die Frauen durch eine Personalpolitik der Kirche und theologische Akzente, die nicht frauenfreundlich waren, abgeschreckt worden.»
Die THC könne das Frauenbild der Kirche kaum «entrümpeln». Die Hochschule könne aber Kompetenzen stärken und so Frauen ausbilden, «die in der Kirche dann ihre Frau stehen. Frauen, die zu uns ins Studium kommen, haben oft Frauen aus der pastoralen Praxis zum Vorbild.»
Der synodale Weg
Cebulj blickt zuversichtlich in die Zukunft, denn die kirchliche Grosswetterlage zeige, dass sich die Kirche auf einem synodalen Weg und einem Weg der Dezentralisierung befinde. Papst Franziskus spreche bezüglich des synodalen Prozesses, einem altkirchlichen Prinzip, eine klare Sprache. Es werde zwar Geduld nötig sein, bis dieser Weg Erfolge zeige. «Aber ich bin noch relativ jung und möchte es schon noch erleben, dass beispielsweise Frauen zu Diakoninnen geweiht werden.
Davon gingen auch der bekannte Dogmatiker Peter Hünermann (Tübingen) und der frühere Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch aus. Ausserdem wurde jetzt auf der Bischofssynode in Rom vom kanadischen Erzbischof Paul-André Durocher aus Kanada eingefordert, man müsse über dieses Thema sprechen. Cebulj möchte als Rektor die Vielfalt in der Kirche fördern, auch was die Aufgaben und Ämter betrifft. Die Kirche Schweiz befinde sich bereits auf diesem Weg und mit ihr die THC. (gs)