Charles Martig

Von Charles Martig Am

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Zürich, 10.10.15 (kath.ch) Nach der ersten Synodenwoche sind noch keine grundlegenden Weichenstellungen zu erwarten. Doch fand die überraschende Intervention des Papstes und die Aussagen von Kardinal Schönborn aus der deutschsprachigen Gruppe besondere Beachtung. «Wir lernen, dass Christoph Schönborn ein Scheidungskind war. Auch Kardinäle sind Menschen», schreibt Charles Martig in seinem Kommentar zu den wichtigen Ereignissen im Vatikan.

Bereits am Dienstag, 6. Oktober, meldete sich Papst Franziskus zu Wort und durchbarch damit das Protokoll. Eigentlich wäre es seine Aufgabe gewesen, an der Synode anwesend zu sein und sich von den Bischöfen beraten zu lassen. Dennoch packte er die Gelegenheit beim Schopf und redete den Synodenvätern ins Gewissen. Er forderte sie auf, mit einer offenen Haltung zu diskutieren. Dabei hielt er fest, dass die Synode in Kontinutität zu den Arbeiten vom Vorjahr stehe. Insbesondere die vorsichtige Öffnung der kirchenrechtlichen Bestimmungen beim Thema Ehe sieht Franziskus als beschlossene Sache. Er hat folgerichtig bereits im September das Verfahren bei «Ehenichtigkeit» angepasst und beschleunigt. Das ist ein gutes Zeichen, denn die Bischofssynode beginnt nicht bei Null. Sie kann sich auf Ergebnisse stützen und nun weitere Schritte gehen.

Heilsame Spannungen

Die Synode hat sich in Diskussionsgruppen nach Sprachen aufgeteilt und geht jetzt den mühsamen Weg des Dialogs. Während man von der französischsprachigen Gruppe, zu der auch Bischof Lovey gehört, wenig Konkretes hört, ist Kardinal Christoph Schönborn offenherziger. Er berichtet von der Atmosphäre in der deutschsprachigen Gruppe, prominent besetzt mit den Kardinälen Reinhard Marx, Kurt Koch, Walter Kasper und Gerhard Müller.

Der Wiener Erzbischof wies in einem Interview mit Radio Vatikan auf «den Schaden, den jede Scheidung bei Kindern und im familiären Umfeld verursacht», hin. Das Thema sei bei den Synodensitzungen oft präsent. «Es ist kein Geheimnis, dass wir sehr facettenreiche Sitzungen erleben. Es gibt Diskussionen, und es gibt notwendige, sogar heilsame Spannungen», fasste Kardinal Schönborn zusammen.

«Familie» als universales Thema

Dabei zeige sich auch, dass es «immer die persönliche Erfahrung ist, die die einzelnen Beiträge zur Debatte färben», analysierte Schönborn. Jeder der Mitbrüder der Synode komme «mit seinem eigenen Erleben der Familie, ihren Freuden und Leiden», was den Debatten manchmal eine stark emotionale Dimension gebe, was aber durchaus positiv sei. «Die Familie ist so tief in der menschlichen Natur und in der Menschheit verwurzelt, dass man sagen kann: Wenn es ein kulturübergreifendes Menschheitsthema gibt, dann ist das sicher die Familie», betonte der Wiener Erzbischof.

Schönborn als Scheidungskind

Bereits in der ersten Synodenwoche wird erkennbar, dass es ans Eingemachte geht. Wir lernen, dass Christoph Schönborn ein Scheidungskind war und dies offen deklariert. Auch Kardinäle sind Menschen mit ihrer eigenen Geschichte, ihren kulturellen Prägungen und Erfahrungen. Der Vorteil der Diskussionsgruppen besteht sicher darin, dass ein echter Dialog geführt werden kann. Die Fetzen werden aber erst fliegen, wenn verschiedene Kontinente und Sprachen aufeinander treffen. Das lässt auf die nächsten beiden Wochen hoffen.

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