Von Charles Martig Am

In Meldungen aus der Schweiz

Zürich, 26.10.15 (kath.ch) Was ist eigentlich neu an den Ergebnissen der Bischofssynode? Viele Erwartungen sind nicht erfüllt worden. Die Reaktionen aus der Schweiz sind kontrovers. Und doch gilt es die entscheidende Botschaft hervorzuheben: Papst Franziskus sprach in seiner Rede zum Abschluss der Bischofssynode von «Dezentralisierung». Das ist ein Gewinn, ein starker Appell an die Bischöfe und an die Seelsorgerinnen und Seelsorger in unserem Land. Ein Kommentar von Charles Martig.

Es ist sehr interessant im Anschluss an die Familiensynode die mediale Wahrnehmung nördlich und südlich der Alpen zu vergleichen. Während der Süden Europas in den Medien eine anerkennende Reaktion auf die Synode zeigt, herrschen bei uns in der Schweiz kontroverse Meinungen vor. Ja, es ist richtig, dass die Synode an der kirchlichen Lehre zu Ehe und Familie nichts Grundsätzliches verändert hat.

Lehre bleibt unverändert: Sind das Good News?

Ist das Festhalten an der bisherigen Lehre Good News oder Bad News? Darüber wird jetzt in der Schweiz heftig debattiert. Kardinal Kurt Koch ist «froh, dass keine Türen zugegangen sind». Er interpretiert die Relatio finis (das Abschlussdokument der Synode) als einen offenen Text. Generalvikar Martin Grichting fasst das Ergebnis der Synode in einer technischen Metapher zusammen: «Die Firewall des Heiligen Geistes hat die kirchliche Lehre gegen schadhafte Software geschützt.»

Beide Argumentationen lassen sich in die positive Richtung wenden: Es ist eine gute Nachricht, dass die Synode keine neuen Normen vorgeschlagen hat. Das heisst, dass keine neuen Regelungen eingeführt werden, die dann weltweit zu beachten und durchzusetzen wären. Arnd Bünker hat dazu gesagt: «Der Synode ist es gelungen, ein Aushandeln von neuen Regeln und Normen zu verhindern. So ein Aushandeln wäre ein endloses Gezerre geworden, mit dem man der Vielfalt von Familiensituationen weltweit nie hätte gerecht werden können.»

Auch reformorientierte Stimmen deuten den Text eher in die Richtung einer Türe, die einen Spalt aufgegangen ist, so zum Beispiel der Jesuit Christian Rutishauser und der Kapuziner Willi Anderau.

Auf dem Weg der Integration

Es ist auch deutlich festzuhalten, dass die Synode einen Weg der Integration eingeschlagen hat. Eva-Maria Faber hat in ihrem theologischen Kommentar herausgearbeitet, dass dieser Weg positiv zu bewerten ist. Denn im Mittelpunkt stehen nun die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die in konkreten Einzelfällen unterscheiden können und sollen. Die Bischöfe erhalten mehr Spielraum für die Ausgestaltung in ihren Diözesen.

Ausdrücklich hat Papst Franziskus zum Abschluss der Synode von «Dezentralisierung» gesprochen. Dies ist ein Wort, das in der katholischen Kirche bisher gar nicht vorkam. Franziskus ist es wichtig, dass in kirchlichen Fragen der Ehe, Familie und Partnerschaft je nach kultureller und politischer Gegebenheit entschieden wird. Er hat damit einen Prozess angestossen, der weit nachhaltiger sein dürfte, als eine konkrete Regelung zum Kommunionempfang von wiederverheirateten Geschiedenen; auch wenn sich hier die deutschsprachigen Bischöfe und Kardinäle eine deutlichere Formulierung gewünscht hätten.

Wohin geht die Reise?

Wer die Richtung des weiteren Vorgehens abschätzen will, sollte sich an die Schluss-Rede von Papst Franziskus vom 24. Oktober halten. Darin unterstreicht er: «Die erste Pflicht der Kirche ist nicht die, Verurteilungen und Bannflüche auszuteilen, sondern jene, die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden, zur Umkehr aufzurufen und alle Menschen zum Heil des Herrn zu führen.» Diese Botschaft der Barmherzigkeit hat sich in der Synode durchgesetzt.

Mehr Barmherzigkeit und weniger Gesetzesgläubigkeit

Dezentralisierung heisst also, dass keine neuen Gesetzesbestimmungen aus dem Vatikan zu erwarten sind. Vielmehr sollen die Bischöfe und nationalen Bischofskonferenzen mehr Verantwortung übernehmen und konkrete Umsetzungen ausarbeiten für die Probleme, die sich ergeben. Der Blick der Seelsorgenden steht in Zukunft im Mittelpunkt. «Mehr Barmherzigkeit und weniger Gesetzesgläubigkeit» – auf diesen Kernsatz lässt sich die Familiensynode bringen. Das ist ein beachtenswerter Schritt in der katholischen Familienpastoral. Oder in der Sprache der auch an der Synode omnipräsenten neuen Medien gesprochen: Ein katholisches Familienverständnis 2.0. (cm)