Von Regula Pfeifer Am

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Bern, 15.1.16 (kath.ch) Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind die Frauen viel stärker in der Kirche präsent, sagt die katholische Schweizer Theologin Angela Büchel Sladkovic. Nach Rückschritten hat sie wieder Hoffnung auf einen Aufbruch. Büchel war bis Mitte 2015 im Vorstand des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds tätig und tritt am Samstag, 16. Januar, am ökumenischen Forum christlicher Frauen in Bern auf.

Regula Pfeifer

Sie stellen am ökumenischen Forum christlicher Frauen* die katholische Kirche und die Situation der Frauen darin vor. Sind die katholischen Frauen im Vergleich zu anderen Christinnen benachteiligt?

Angela Büchel Sladkovic: Die katholische Kirche hat viele Gesichter. Frauen sind heute in den katholischen Pfarreien sehr präsent. Sie treten in den Gottesdiensten als Gemeindeleiterinnen, Lektorinnen und Ministrantinnen auf. Sie sind in der Katechese tätig und in Gremien und Gruppen engagiert. In Bezug auf das Priesteramt haben wir keine Gleichstellung. Das ist für viele Theologinnen sehr schmerzhaft.

Inwiefern schmerzhaft?

Büchel: Letztes Jahr stellte eine methodistische Pfarrerin ihre Kirche mit viel Freude vor. Da merkte ich: Ich kann nicht in dieser Weise aus der Mitte heraus erzählen, mein Verhältnis zu meiner Kirche ist nicht so ungebrochen. Ohne Verletzungen kommt man als Frau in der katholischen Kirche nicht weg.

Pfarrerin oder Bischöfin können die Frauen in der katholischen Kirche nicht werden. Gibt es weitere Defizite?

Büchel: Viele Ämter sind auch nach dem II. Vatikanischen Konzil auf die Priester ausgerichtet. Kirchenrechtlich ist es nur in Ausnahmefällen erlaubt, als Laie zu predigen oder zu beerdigen. Zum Glück werden in unseren Bistümern die Ausnahmeregelungen genutzt.

An der Familiensynode in Rom waren keine Frauen stimmberechtigt beteiligt. Frauen (und Männer) brauchen unbedingt mehr Mitsprache und Mitgestaltungsrechte, auf allen Ebenen. Die Kirchenrechtlerin Sabine Demel hat mehrfach darauf hingewiesen: Man spricht vom Glaubenssinn der Gläubigen, aber es gibt rechtlich keinen Raum, wo sich dieser verbindlich äussern kann.

Hat das II. Vatikanische Konzil vor 50 Jahren Fortschritte für die Frauen gebracht?

Büchel: Es brachte, wie es die Theologin Elisabeth Gössmann formulierte, die Gleichberechtigung im Laienstand. Frauen waren am Konzil kein Thema. Das Konzil hat aber Frauen aufgrund seines neuen Kirchenbildes gestärkt.

Waren Frauen am Konzil vertreten?

Büchel: Anfänglich nicht. Der Papst hat ja verschiedene Leute aus anderen Konfessionen als Beobachter und Hörer eingeladen; 1964 berief er auch 15 Laienauditorinnen. 23 Frauen waren schliesslich am Konzil eingeladen. Abgesehen vom Frauenpriestertum forderten Frauen beispielsweise, dass der Tauftermin auf später verschoben werden sollte, damit die Mütter auch daran teilnehmen konnten, oder dass die Gläubigen mit «liebe Brüder und Schwestern» angesprochen werden sollten.

Was hat sich zugunsten der Frauen verändert in den letzten Jahren und Jahrzehnten?

Büchel: Heute sind Frauen als Lektorinnen, Ministrantinnen, Pastoralassistentinnen und Gemeindeleiterinnen von Pfarreien sowie als Professorinnen tätig. Führt man sich das vors Auge, merkt man: Seit dem Konzil hat sich doch viel bewegt. Es war ein langer Prozess. Ich erinnere mich noch an manch vergebene Versuche, eine Theologieprofessorin an die Universität Freiburg zu wählen. Heute haben wir einige Theologieprofessorinnen.

Gab es auch Rückschritte?

Büchel. Nach dem Konzil buchstabierten die Päpste wieder zurück.

Inwiefern?

Büchel: Das Konzil proklamierte zum Beispiel die Gewissensfreiheit. Das hatte Auswirkungen. Die Freiheit in Glaubensdingen führte nicht nur zu Anerkennung anderer Religionen, es stärkte die einzelnen Gläubigen auch gegenüber dem Lehramt. Frauen konnten sich nach «Humanae vitae» in Sachen Verhütung auf ihren Gewissensentscheid beziehen. Das änderte sich mit dem Katechismus der 90er-Jahre. Dieser versuchte, das Gewissen wieder dem Lehramt unterzuordnen, und spricht statt vom verantworteten Christsein von der Haltung kindlicher Liebe zur Kirche.

Es gab vier Frauen, die vom Konzil das Frauenpriestertum wünschten. Doch bereits in den 70er-Jahren machte Papst Paul VI. klar: Frauen können auf keinen Fall Priesterinnen werden. Das Frauenbild wurde in Rom zunehmend abstruser. Es ist ein Hin und Her zwischen Aufbruch und Stagnation.

Wo stehen die katholischen Frauen jetzt?

Büchel: Viele sind enttäuscht ausgezogen. Andere erwarten nicht viel. Bei manchen hat Papst Franziskus mit seinen unerwarteten Zeichen und seine erfrischenden Geist Hoffnungen geweckt. Aber: Nicht alles bestimmt der Papst. Die katholische Kirche ist vielfältig, da gibt es immer ein Sowohl-als-auch, und das finde ich das Schöne daran.

Wie sieht Ihr Ideal für die Frauen in der katholischen Kirche aus?

Büchel: Frauen haben unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche an die Kirche und ans Leben. Ideal wäre es, wenn diese Raum und Gewicht bekämen. Ich hoffe, dass Frauen mehrstimmig zur Sprache kommen und auch die Diskussion um das Weiheamt für Frauen wieder aufgenommen wird. Allgemein gesagt: Ideal wären mehr Mitsprache und Entscheidungskompetenz für Frauen. (rp)

*Hinweis: Das ökumenische Forum christlicher Frauen findet am Samstag, 16. Januar von 10 bis 16 Uhr im katholischen Kirchgemeindehaus St. Marien in Bern statt.