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Von KNA Am

In Berichte aus dem Vatikan

Rom, 5.4.16 (kath.ch) Es hat lange gedauert. Nun ist es soweit: Nach einer weltweiten Umfrage unter Katholiken, zwei Bischofssynoden und einer zweieinhalbjährigen heftigen Debatte äussert sich Papst Franziskus selbst zum Thema Ehe und Familie. Am Freitag, 8. April, erscheint sein Schreiben über Ehe und Familie. Die Erwartungen an den Text sind hoch. Viele Katholiken erhoffen sich ein klärendes Wort des Papstes zu strittigen Themen wie dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder Homosexuellen.

Thomas Jansen

Offiziell bekannt ist bislang vom sogenannten nachsynodalen Schreiben kaum mehr als der Titel «Amoris laetitia» (Freude der Liebe) und der Untertitel «Über die Liebe in der Familie». Dem Vernehmen nach soll es rund 200 Seiten lang sein. Franziskus selbst hat verraten, dass es ein eigenes Kapitel über die Ehevorbereitung und das Thema «Kinder und Familie» geben werde. Auch in italienischen Medien sind bislang – anders als im Sommer 2015 bei der Umweltenzyklika – keine Details durchgesickert.

Spekulationen hier und dort

Das nährt Spekulationen. Spricht der Papst ein Machtwort? Macht er sich zum Anwalt der Reformer? Lässt er wiederverheiratete Geschiedene im Einzelfall zur Kommunion zu? Oder berufen sich jene, die Veränderungen in der kirchlichen Morallehre fordern, möglicherweise zu Unrecht auf Franziskus? Die Bischöfe wissen bereits mehr. Ihnen sandte der Vatikan den Text samt einer erläuternden Lesehilfe in diesen Tagen zu. Die Bischöfe sollen vorbereitet sein. So war der Vatikan bereits bei der Umweltenzyklika verfahren.

Wer sich in diesen Tagen im Vatikan umhört, bekommt zu hören, man sollte nicht mit definitiven Entscheidungen in konkreten Fragen rechnen. Der Text sei allgemeiner gehalten und lasse einigen Interpretationsspielraum. Bereits sein Titel lässt erahnen, dass es dem Papst wohl vor allem darum gehen dürfte, für Ehe und Familie zu werben. Übersetzer arbeiten im Vatikan unterdessen noch am letzten Schliff der Textfassungen in verschiedenen Sprachen.

Abschlusspapier der Synode als Grundlage

Franziskus muss nicht bei Null anfangen. Ihm lag das Abschlusspapier der Synode vom Oktober vor. Daran ist er zwar nicht gebunden. Aber wie jeder Papst ist er gut beraten, den Willen seiner Bischöfe nicht ausser Acht zu lassen. Im Abschlusspapier hatten sich die Bischöfe dafür ausgesprochen, dem Seelsorger im Einzelfall mehr Spielraum im Umgang mit Gläubigen zu geben, deren Leben nicht der kirchlichen Morallehre entspricht. Im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen legt das Schreiben die letzte Entscheidung in die Hände des Beichtvaters und des Gewissens der Betroffenen. Die deutschsprachigen Synodenteilnehmer hatten die theologische Vorarbeit dazu geleistet.

Massgeblichen Anteil hatte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Er wird das Papstschreiben am Freitag im Vatikan gemeinsam mit Kardinal Lorenzo Baldisseri, dem Generalsekretär der Bischofssynode, vorstellen. Der US-Vatikankenner John Allen wertete die Wahl Schönborns als möglichen Fingerzeig dafür, dass Franziskus in seinem Schreiben Partei für die Reformer ergreifen könnte. Doch das bleibt einstweilen Spekulation.

Streitpunkt Kommunion für Geschiedene

Mit besonderer Spannung wird erwartet, ob und wie sich der Papst zur Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion äussert. Im Abschlusspapier der Synode wurde diese äusserst strittige Frage nicht ausdrücklich thematisiert. Das führte zu unterschiedlichen Auslegungen. Befürworter einer Änderung der kirchlichen Praxis sagten, Argumentation und Geist des Papiers sprächen dafür, dass auch für wiederverheiratete Geschiedene im Einzelfall eine Zulassung zur Kommunion möglich sei. Verteidiger der bisherigen Praxis wandten sich gegen eine solche Schlussfolgerung.

Immerhin: Fingerzeige, wie sich Franziskus positionieren könnte, gibt es viele. Immer wieder betonte er, dass es ihm nicht darum gehe, die katholische Morallehre grundsätzlich zu ändern. Franziskus hat aber wiederholt erkennen lassen, dass er mehr Spielraum für den Seelsorger im konkreten Einzelfall möchte – und eben nicht alles von Rom geregelt werden müsse. (kna)