Georges Scherrer

Von Georges Scherrer Am

In Meldungen aus der Schweiz

Zürich, 8.4.16 (kath.ch) Das apostolische Schreiben «Amoris laetitia» von Papst Franziskus bildet eine Öffnung der bisher rigoristischen Doktrin rund um Ehe und Familie, Geschiedene und Wiederverheiratete. Das sagt der Generalvikar von Zürich und Glarus, Josef Annen, am Freitag, 8. April im Interview mit kath.ch. Aufgrund des Schreibens sei auch eine Änderung des Kirchenrechts nicht nötig. Seelsorge müsse sich nicht an Gesetzen orientieren, sondern an der direkten Begegnung mit dem Menschen.

Georges Scherrer

Welche ist die wichtigste Aussage des Dokuments?

Josef Annen: Ehe und Partnerschaft sind für uns Menschen ein Ort der Freude. Gott hat den Menschen aus Liebe erschaffen. Mann und Frau dürfen in Ehe und Familie diese Freude teilen und bei allem Auf und Ab immer wieder neu erleben. Das finde ich eine wunderbare Formulierung. Darum heisst das neue Dokument Amoris laetitia, Freude der Liebe.

Ist das Dokument vollkommen oder gibt es Stellen, die in Zukunft noch ausgearbeitet werden müssen?

Annen: Es ist nicht vollkommen. Es fasst zuerst einmal alle Ergebnisse der beiden Bischofssynoden von 2014 und 2015 – vor allem der zweiten – zusammen, geht aber in vielem darüber hinaus. Papst Franziskus stösst einen Prozess an. Er sagt immer wieder, dass er nicht Räume besetzen, sondern nur Prozesse anstossen könne. Wiederholt weist er darauf hin, dass er keine Patentrezepte präsentieren könne. Die Lebenssituationen der Menschen sind zu differenziert. Der Papst verlangt, dass die Seelsorger hinschauen, unterscheiden, auf das Evangelium und das Gewissen hören und danach nach einer Lösung suchen, welche die Menschen näher zu Gott bringt. Die «Logik der Eingliederung» ist die Stossrichtung. Das Dokument formuliert offen. In den kommenden Jahren wird in der Pastoral sicher viel darüber geschrieben und diskutiert werden, was von den Seelsorgenden konkret verlangt wird und wie die Praxis aussehen soll. Das Dokument bildet zuerst einmal eine Öffnung der bisherigen rigoristischen Doktrin rund um Ehe und Familie, nicht zuletzt auch um Geschiedene und Wiederverheiratete.

Wird der Spielraum der Seelsorgenden erweitert?

Annen: Er wird gross erweitert. Kardinal Christoph Schönborn hat bei der Präsentation des Dokuments in Rom klar gesagt: ‘Der Papst bekräftigt den Weg der pastoralen Neuausrichtung der Kirche, in der alle Menschen ihren Platz haben, und in der dem persönlichen und gereiften Gewissen grosse Bedeutung zukommt.’ Diese Aussage ist unglaublich! Schönborn schliesst auch die Möglichkeit des Zugangs zu den Sakramenten unter anderem für wiederverheiratete Geschiedene in gewissen Fällen nicht aus. Das ist eine neue Ausrichtung!

In der Schweiz fanden im Vorfeld der beiden Bischofssyonden zur Familie in den Jahren 2014 und 2915 umfassende Befragungen des Kirchenvolks statt. Berücksichtigt das neue Dokument die damals formulierten Anfragen der Katholiken an die Weltkirche?

Annen: Das Dokument kann nicht auf alle Fragen direkt antworten. Papst Franziskus geht aber in seinem 300-seitigen Dokument differenziert auf einige Lebenssituationen ein: etwa auf jene von Paaren, die in einer Zivilehe leben, auf geglückte Situationen, auf Familien mit oder ohne Kinder, Familien in Flüchtlingssituationen oder in schwieriger wirtschaftlicher Lage, Familien, die unter Arbeitslosigkeit leiden und Menschen mit gebrochenen Lebensläufen. Die Forderungen aus der Schweiz wurden meines Erachtens aufgenommen. Der Tenor aus der Schweiz lautete vor allem: Es besteht eine Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit. Nun hat der Papst einen Prozess angestossen, der dazu dient, diese Kluft zwischen Lehre und Lebenssituationen zu überbrücken.

Was muss die Kirche nun konkret unternehmen, damit sie den vom Papst genannten «Weg des Unterscheidens» in der Realität umsetzen kann?

Annen: Dieser Weg war schon immer gut seelsorgerliche Praxis. Dieses Unterscheiden entspricht nichts anderem als der Spiritualität des Ignatius von Loyola, also jener des Jesuitenordens. Jeder Seelsorger lernt in der Ausbildung, dass er hinschauen, das Gewissen ernst nehmen und auf die Stimme Gottes und das Evangelium hören muss. Dann muss er einen Entscheid treffen, der zumindest sein eigenes Herz zufrieden stellt. Die allermeisten Seelsorgerinnen und Seelsorger in unseren Pfarreien praktizieren dies bereits. Das Dokument ermuntert diese nun, auf diesem Weg weiter zu gehen. Das ist aber eine Herausforderung. Es braucht eine grosse geistliche Reife der Seelsorger und Seelsorgerinnen. Das bedeutet für die Kirche Schulung, Begleitung und Auseinandersetzung.

Muss das Kirchenrecht umgeschrieben werden?

Annen: Papst Franziskus sagt: Ich mache keine neuen Kanones. Das bringt nichts. Die Situationen, in welchen die Menschen leben, sind derart verschieden, dass jeder neue Kanon dieser Situation angepasst werden müsste. Für jede Situation würden es eine eigene kanonische Weisung brauchen. Diese Aussage wird einige in unserer Kirche stören, die gern Patentrezepte wünschen. Ich gehe aber auch nicht zum Arzt, damit er mir einen Katalog von Krankheiten auflistet und sagt: Welche Krankheit wollen Sie? Ich erwarte vom Arzt, dass er hinschaut und mir nennt, was ich brauche.

Rüttelt der Papst mit seinem Schreiben «Amoris laetitia» an der Lehre der Kirche?

Annen: Die Lehre von der Untrennbarkeit der Ehe wird nicht aufgehoben. Sie entspricht weiterhin der Sehnsucht von jungen Menschen, die eine Beziehung wünschen, die gelingt und von Dauer ist. Die menschliche Erfahrung zeigt, dass dies nicht immer möglich ist und Menschen verschuldet oder unverschuldet vor zerbrochenen Beziehungen stehen. Das Evangelium von Jesus Christus schliesst niemanden aus, verurteilt niemanden und erklärt, dass es keine Situation gibt, in der Sündern nicht vergeben werden kann. (gs)