Martin Max

Von Martin Max Am

In Meldungen aus der Schweiz

Chur, 19.5.16 (kath.ch) «Die Realität ist wichtiger als das Ideal», schreibt der Churer Theologieprofessor Manfred Belok* in einem rückblickenden Gastkommentar zum päpstlichen Schreiben über Ehe und Familie im «Bündner Tagblatt», den er kath.ch zur Verfügung gestellt hat. Der Autor schätzt die klaren Aussagen im Schreiben, vermisst aber eine konsequente Weiterführung der Gedanken auch auf andere Formen partnerschaftlichen Zusammenlebens.

Spannend und spannungsreich: das Schreiben von Papst Franziskus über die «Freude der Liebe» (Amoris laetitia). Für die einen ist das in neun Kapitel und 325 Abschnitte gegliederte Schreiben eine Wende im schwierigen Verhältnis der Kirche im Umgang mit Liebe, Erotik und Sexualität. Für andere stellt es einen Bruch der Lehrtradition zur kirchlichen Ehe- und Sexualmoral dar.

Waren schon die Debatten während der Weltbischofssynode 2014/2015 zu Partnerschaft, Ehe, Familie höchst kontrovers, so setzt sich dies im Streit um die Interpretation des Nachsynodalen Schreibens fort. Es sei geradezu «genial» sagen Reformorientierte, weil «nicht alle Diskussionen», so der Papst, «durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen», wenngleich in der Kirche «eine Einheit der Lehre und der Praxis notwendig» sei. Dagegen steht für andere die Glaubwürdigkeit des kirchlichen Lehramtes auf dem Spiel.

Papst Franziskus geht es darum, die Kluft zwischen lehramtlicher Idealvorstellung und gelebter Alltagsrealität zu überwinden. Sein Ansatz: Von der Lebensrealität der Menschen ausgehen und nicht von Norm und Gesetz. «Die Realität ist wichtiger als das Ideal», so einer seiner Kernsätze bereits im ersten Apostolischen Schreiben nach seiner Wahl zum Papst. Es reiche eben nicht, «nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft». So ermutigt Franziskus angesichts der «komplexen» Wirklichkeit bewusst «zu einer verantwortungsvollen, persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle».

Dies erfordere nicht nur den Verzicht auf eine «neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung», sondern: Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche Konsequenzen. Ausdrücklich ermächtigt der Papst die Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort, in eigener Verantwortung Menschen in schwierigen, komplexen Lebenssituationen neue Perspektiven für ein Leben aus dem Glauben und mit der Kirche zu eröffnen. Dies auch in Bezug auf den Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene. «Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums.» Und: «In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein. Deshalb erinnere ich die Priester daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn. Gleichermassen betone ich, dass die Eucharistie nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein grosszügiges Heilmittel» ist.

Auf die Frage einer Journalistin beim Rückflug von der Flüchtlingsinsel Lesbos, ob dies heisst, dass nach Scheidung Wiederverheiratete nun zur Kommunion gehen dürfen, antwortete er kurz und entschieden: «Ja. Punkt.» Zudem verweist Franziskus ausdrücklich auf das Gewissen der Einzelnen. Das lässt aufhorchen. Zumal er einräumt, dass sich das kirchliche Lehr- und Hirtenamt bisher «schwer tut, dem Gewissen der Gläubigen Raum zu geben». Die Kirche sei berufen, «die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen». Das Gewissen muss geformt werden durch das Hören auf die Stimme und die Gebote Gottes und durch das, was die Vernunft als sittlich gut erkennt. Hierbei könne das Gespräch im Forum internum helfen. «Es handelt sich um einen Weg der Begleitung und der Unterscheidung, der diese Gläubigen darauf ausrichtet, sich ihrer Situation vor Gott bewusst zu werden.»

Für Papst Franziskus sind Körperlichkeit, Erotik und Leidenschaft kein geduldetes Übel zum Wohl der Familie, sondern Geschenk Gottes. Warum aber reduziert der Papst Liebe auf heterosexuelle Liebe? Zwar betont er, «dass jeder Mensch, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, in seiner Würde geachtet und mit Respekt aufgenommen werden soll» und nicht diskriminiert werden darf. Konsequent wäre, auch die Liebe homosexueller Paare wertschätzend anzuerkennen. Ebenso bedauerlich: Im päpstlichen Schreiben wird die Gender-Thematik angesprochen, aber als Ideologie diffamiert. Dies offenbart: Eine seriöse Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Befund zu Begriff und Inhalt steht noch aus. Ungeachtet dessen ist Amoris laetitia ein Plädoyer für eine menschennahe Pastoral mit Bodenhaftung. (mb)

*Prof. Dr. Manfred Belok lehrt Pastoraltheologie an der THC.

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