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Von Kath Press Am

In Berichte aus dem Vatikan

Wien, 29.4.16 (kath.ch) Die in Österreich aktiven Kirchenreformgruppierungen sehen sich vom jüngst veröffentlichten Papstdokument «Amoris laetitia» in ihren Forderungen wesentlich bestärkt. Für den deutsche katholischen Philosophen Robert Spaemann führt der Papst die Kirche «in Richtung eines Schismas».

Spaemann hat Papst Franziskus einen Bruch der kirchlichen Lehrtradition über die menschliche Ehe und Sexualität und eine «kritische Distanz» zu Papst Johannes Paul II. (1978-2005) vorgeworfen. Das jüngst veröffentlichte nachsynodale Schreiben «Amoris laetitia» lasse Folgerungen zu, «die mit der Lehre der Kirche nicht kompatibel gemacht werden können», sagte Spaemann in einem Interview mit der deutschsprachigen Redaktion der Catholic News Agency (CNA).

Konkret bezieht sich der 88-Jährige mit seiner Kritik auf jene Passagen des Dokuments, in dem der Papst betont, dass bei der Begleitung und Integration von Menschen in «irregulären» Situationen in einigen Fällen auch die Sakramente eine Hilfe sein können. «Der Artikel 305 zusammen mit der Anmerkung 351 allerdings, in dem festgestellt wird, dass Gläubige ‘mitten in einer objektiven Situation der Sünde’, ‘auf Grund mildernder Faktoren’ zu den Sakramenten zugelassen werden können, widerspricht direkt dem Artikel 84 des Schreibens Familiaris consortio von Johannes Paul II.», sagte Spaemann.

Jeder Priester, der sich an die bisher geltende Sakramentenordnung halte, könne nun von Gläubigen gemobbt und seinem Bischof unter Druck gesetzt werden. Bei der Kommunionspendung könne es nur eine klare Ja-Nein-Entscheidung geben. Papst Franziskus aber habe «mit einem Federstrich das Chaos zum Prinzip erhoben» und führe die Kirche «in Richtung eines Schismas».

Ungeordnete sexuelle Beziehungen sanktionieren

Im 1981 erschienenen Schreiben «Familiaris consortio» hatte Johannes Paul II. betont, dass Geschiedene nach einer erneuten zivilen Heirat nur dann der Weg zur Eucharistie offen stehe, wenn sie sich verpflichten, völlig enthaltsam zu leben. Für Spaemann der Beleg, dass die Kirche keine Vollmacht habe «ohne vorherige Umkehr, ungeordnete sexuelle Beziehungen durch die Spendung von Sakramenten positiv zu sanktionieren und damit der Barmherzigkeit Gottes vorzugreifen», wie er in dem Interview ausführte.

«Barmherzigkeit angesichts erlebten Versagens»

In den Augen der österreichischen Kirchenreformgruppierungen ändert der Papst mit dem nachsynodalen Schreiben zwar weder Lehre noch Kirchenrecht, er ordne aber die nach wie vor geltenden Vorschriften einer situations- und menschengerechten Handhabung unter, heisst es in einer am Freitag veröffentlichten gemeinsamen Stellungnahme von Laieninitiative, Pfarrer-Initiative, «Wir sind Kirche», und «Priester ohne Amt». Der Papst «folgt damit dem Grundsatz, dass das Gewissen die höchste Instanz und dass Barmherzigkeit angesichts erlebten Versagens oberstes Gebot ist», so die Gruppierungen.

In diesem Sinn bedeute das päpstliche Vorgehen «eine epochale Wende» und biete «bedeutende Chancen für die Seelsorge der Kirche». Es sei zu erwarten, «dass sich noch mehr als bisher eine erträgliche und menschennahe Glaubenspraxis entwickelt», heißt es in der Stellungnahme. Die Gruppierungen konstatieren aber auch «berechtigte Kritik» an «Amoris laetitia», etwa im Blick auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Auch Fragen der Empfängnisverhütung würden durch das Papstschreiben «nicht berührt», wird kritisch angemerkt. (kap)