Gastkommentar

Von Gastkommentar Am

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Chur, 26.6.15 (kath.ch) Am 23. Juni 2015 wurde im Vatikan das Instrumentum laboris (Arbeitsinstrument) vorgestellt, das als Grundlage für die Bischofssynode 2015 dienen soll. Es besteht in weiten Teilen aus dem Abschlussdokument der letztjährigen Synode, ergänzt durch Textteile, die Anregungen von Ortskirchen der ganzen Welt aufnehmen. Kommentar von Eva-Maria Faber.

Diese Voten haben in manchen Hinsichten die Wahrnehmung geschärft: Der Text geht z.B. detaillierter auf die Folgen von Krieg, Migration und Armut für familiale Situationen ein. Gegen die westliche Kultur richtet sich weiterhin einseitig die negative Diagnose, sie sei von Individualismus geprägt. Vergessen ist hier die Einstellung, die das II. Vatikanische Konzil auszeichnete: Es nahm die zeitgenössische Kultur in ihren Schwächen und Stärken, Risiken und Chancen wahr. Die Bischöfe werden in diesen Hinsichten nachjustieren müssen, um eine gerechte Wahrnehmung auch unserer Kultur zu ermöglichen.

Pluralität der Situationen

Bemerkenswert sind zahlreiche Hinweise auf die Pluralität der Situationen. Es zeichnet sich ab, dass die Synode den Ortskirchen konkrete pastorale Weichenstellungen nicht wird abnehmen können. Zu unterschiedlich sind die Kulturen (»Sinfonie der Verschiedenheiten»: Nr. 83), zu vielfältig die je besonderen Lebenssituationen von Menschen. Das Instrumentum laboris mahnt dazu, diese Situationen angemessen zu unterscheiden (Nr. 64; 81; 98; 107 u.ö.), aufmerksam wahrzunehmen, was Menschen bewegt (Nr. 65; 102), eine Sprache zu sprechen, die nicht moralisierend und juridisch ist, sondern sensibel für die Lebensumstände der einzelnen Personen und Kontexte (Nr. 78; 99).

Damit wird ein hoher Anspruch an die Pastoral formuliert. Entsprechend häufig erwähnt das Dokument die Seelsorgenden, die je vor Ort mit den Menschen unterwegs sind und in diffizilen Situationen eigenverantwortlich handeln müssen.

Als die Synode 2014 über das Abschlussdokument abstimmte, erhielten einige Abschnitte keine Zweidrittelmehrheit: die Texte über die kirchliche Situation von Personen, die nach Scheidung wiederverheiratet sind, sowie von Personen mit homosexueller Orientierung. Da es andererseits keine Zweidrittelmehrheit gegen weitere Beratung dieser umstrittenen Fragen gab, ist es konsequent, dass das Instrumentum laboris dieselben Themen erneut und sogar mit erweiterten Vorschlägen zur Diskussion stellt. Neu ist ein ausdrücklicher Hinweis auf die Praxis der Orthodoxen, eine nach Scheidung eingegangene Beziehung zu segnen. Dies wird allerdings lediglich in ökumenischem Kontext erwähnt – es wird an der Synode liegen, ob hier ein Vorbild für die westliche Praxis erkannt wird.

Stil der Annahme

Das Dokument ist ein schillernder Text. Wie schon beim Vorgängertext kommt das Thema der ehelichen Partnerschaft zu kurz; die Herausforderung der Gestaltung von Beziehungen findet wenig Aufmerksamkeit. Die neu hinzugekommenen Abschnitte haben aber mehr konkretes Leben in das Dokument hineingebracht (z.B. Nr. 43; 105). Die Kirche wird auf die «doppelte Treue zum Evangelium Jesu und zum zeitgenössischen Menschen» verpflichtet (Nr. 79). Für konfessionsverbindende Ehen kommt der Wunsch zur Sprache, die anderskonfessionellen Partner zum Empfang der Eucharistie zuzulassen (Nr. 128). Bedeutsam aber ist vor allem die klare Ausrichtung der Seelsorge auf einen «Stil der Annahme» und des Begleitens (Nr. 103 u.ö.). Damit wird der Umgang mit all jenen Situationen, in denen Partnerschaften und Familien nicht den Normen der katholischen Kirche entsprechen, aus der blossen Fixierung auf eben diese Normen gelöst.

Eva-Maria Faber ist Rektorin und Ordentliche Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur.